Friday, July 6, 2012

Mein Selbstmord 06/07/12

Im Laufe dieses Tages habe ich mir ein Performance-Art Kunstprojekt ausgedacht. Ich habe mir den ganzen Tag über vorgestellt, es wäre mein letzter Tag, ich hätte den Verstand verloren und würde mich in den Abendstunden umbringen. Warum? Ich wollte fühlen, wie es wäre.


Über Facebook habe ich morgens angefangen und zwei Einträge gepostet, die auf Abschied und meine Lebensmüdigkeit hinwiesen. (Sayonara, minna-san; japanisch.: Auf Wiedersehen, ihr alle.) Dazu der Blogpost, der diesem vorherging. Ich suchte am Tag zwei Male den Ort auf, wo es passieren sollte. Ich muss sagen, schon der erste Gang dorthin -  ich wählte einen abgelegenen Spielplatz - machte mich wegen meiner Vorstellungskraft paranoid und war...angsteinflößend. Ich ließ mir aber nichts anmerken. Obwohl ich wusste, dass ich es niemals tun würde, war es wie eine selbsterfüllende Prophezeiiung -- meine Psyche spielte das Spiel mit.
Den ganzen Tag über tat ich fast nichts, ich wollte selbigen sehr still gestalten und auf meine Gedanken achten. Schließlich schaute ich noch einen Film, aß mein 'letztes Abendmahl' und überlegte, wie sich suizidale Personen an einem solchen Tag verhalten würden: im Zweifelsfall möglichst unauffällig. Still schrieb ich also einen kryptischen, lyrischen Zweizeiler als Abschiedsbrief und legte ihn in die Küche. Daneben zwei Briefe an meine (Ex?-)Freundin, die eine Nacht davor aus echtem Kummer entstanden waren. Dazu eine Flasche mit dem Waschmittel, das mich an sie erinnerte. Stimmung wie in 'Die Leiden des jungen Werther'. Verschwiegen rauchte ich noch ein paar letzte Zigaretten, um die Nervosität, die zwischen Schauspiel und Realität waberte, zu deckeln.
Als es draußen dunkel war, postete ich bei FB zwei Fragmente von Romanprojekten, die beide deutlich morbide waren und in der Ich-Perspektive geschrieben waren. Ich widmete sie meinen zwei liebsten Menschen. Dazu teilte ich per FB das Lied 'How To Disappear Completely' von Radiohead. Selbiges Lied spielte ich dann auch in der Realität und setzte anschließend ein anderes Lied auf Repeat, damit in meiner Abwesenheit wenigstens noch Geräusche aus meinem Zimmer kämen und alles in der Wohnung noch halbwegs lebendig wirken würde. Ich ließ mein Handy in der Wohnung und verließ das Haus - ziemlich ängstlich, obwohl ich wusste, dass ich mir nichts antun würde. Ich stieg auf mein Fahrrad und machte mich zum dritten Male auf zum Tatort. Im Dunkel der Nacht kam seltsamerweise eine gewisse Seelenruhe auf, immer durchsetzt von getriebener Paranoia. Mitgenommen hatte ich ein Feuerzeug und einen Gaskocher, ich überlegte noch an einer Tankstelle Benzin zu kaufen, hielt das aber für zu gefährlich, falls mich doch jemand in der Nacht sehen würde. Tatsächlich fuhr ein Streifenwagen an mir vorbei. Die Beamten können aber -noch nicht- Suizidale an den Augen oder der Kleidung erkennen. Ich kam beim Spielplatz an und verbrannte statt mich selbst nur Poster von japanischen Schauspielerinnen, die ich einst attraktiv fand. Danach rief ich den Namen meiner Freundin so laut ich konnte. Ich fuhr weiter und fühlte mich...wie neugeboren. Irgendetwas war von mir abgefallen. Ich hatte wirklich etwas in mir abgetötet. ...Ein befreiendes Ritual.


Gewundert hat mich bloß, dass a) niemand meine Hinweise erkannte und b) es alles so einfach gewesen wäre. Ich war zwar nach Ankündigung nur eine Stunde abwesend, doch bei FB wurde niemand aufmerksam. Wahrscheinlich ist Freitag ein strategisch ungünstiger Tag für Suizidale, die kryptische Hilfeschreie im Netz posten. (Seid drastischer und deutlicher bei euren Hinweisen, Todesmutige!) Oder jeder denkt nur an sich und möchte bei FB nur Anekdoten über Sauftouren und Kulinarisches sehen. Denkt euch euren Teil. Beides ist wohl ein bißchen wahr. Erhobener Zeigefinger.

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