„Ich
bin zum Klischee des russischen Pianisten verkommen, der ich niemals
sein wollte!“
Voll kaltem
Schweiß saß er in einem verrauchten Hinterzimmer in einer Moskauer
Kneipe. Ohne die fast zwanghaft angebotenen Gläschen voll Wodka
hätte er den Mut wohl nicht aufgebracht, hier aufzutreten. Sein
moosgrüner Rollkragenpullover kratzte unangenehm an seinem Hals. Die
besoffenen Blicke auf Seiten der Männer und die lüsternen Blicke
auf Seiten der sogenannten Damen hielt er nur widerwillig aus. Wie
zum Teufel war er hier gelandet? Er stellte sich das Publikum in
schwarz-weiß vor, um nicht so nervös zu sein. So wie er es aus den
Filmaufnahmen aus dem zweiten Weltkrieg in seinen Kindstagen kannte.
Wie in einem Stummfilm hatte er zudem seine Gedanken als kurze,
schäbige Einblendungen vor seinem geistigen Auge, um wenigstens
nicht seinen Humor zu verlieren und diese Maskerade, diese Schikane,
zu ertragen. Er spielte das Stück Gnossiene No. 1 von Erik
Satie. Es versetzte ihn in eine verfrühte, alltäglich
apokalyptische Stimmung. Das Publikum verstand die Töne zwar, war
aber schon in einem fortgeschrittenen Rauschzustand und bekam dadurch
nur noch Fetzen von ausgekotztem Russisch heraus, die er sowieso
nicht verstand. Es war ein schöner Albtraum. Nach drei klebrigen
Minuten und vierundzwanzig Sekunden war das Gastspiel vorbei. Ein
Paar alaska-blauer Augen blieb ihm bei der dahingerotzten Verbeugung
vor dem Publikum im Gedächtnis hängen. Ihr Name sei Kujika.
Im
Backstage-Bereich, der diesen Namen nicht annähernd verdiente,
streunte auch die Russin namens Kujika herum. Sie hatte ihm den
Rücken zugewandt und sprach mit einem modisch-bärtigen, russischen
Gitarristen mit ungeschnittenen Fingernägeln an der rechten Hand –
angeblich musste man das als klassischer Gitarrist so handhaben, um
besser zupfen zu können. Doch im Endeffekt war es nur eine Ausrede
für Faulheit und mangelnde Körperpflege. Kujika hingegen hatte es
sich anscheinend zur Angewohnheit gemacht, einen Seidenschal in den
Farben der russischen Föderation zu tragen. (Kein Kommentar.) Unter
der Seide schimmerte das Weiß ihres Nackens hindurch. Es erinnerte
ihn mangels Vergleichsmöglichkeiten an die weißen Streifen auf dem
Asphalt der Hauptstadt. Russland hatte ihn nüchtern und gefühllos
gemacht. Es ließ ihn auf seltsame Weise kalt. Doch ihr eichenbraunes
Haar schien etwas über sie zu verraten, das man lieber nicht
verraten sollte.