Friday, June 29, 2012

Russland, Teil 1


Ich bin zum Klischee des russischen Pianisten verkommen, der ich niemals sein wollte!“

Voll kaltem Schweiß saß er in einem verrauchten Hinterzimmer in einer Moskauer Kneipe. Ohne die fast zwanghaft angebotenen Gläschen voll Wodka hätte er den Mut wohl nicht aufgebracht, hier aufzutreten. Sein moosgrüner Rollkragenpullover kratzte unangenehm an seinem Hals. Die besoffenen Blicke auf Seiten der Männer und die lüsternen Blicke auf Seiten der sogenannten Damen hielt er nur widerwillig aus. Wie zum Teufel war er hier gelandet? Er stellte sich das Publikum in schwarz-weiß vor, um nicht so nervös zu sein. So wie er es aus den Filmaufnahmen aus dem zweiten Weltkrieg in seinen Kindstagen kannte. Wie in einem Stummfilm hatte er zudem seine Gedanken als kurze, schäbige Einblendungen vor seinem geistigen Auge, um wenigstens nicht seinen Humor zu verlieren und diese Maskerade, diese Schikane, zu ertragen. Er spielte das Stück Gnossiene No. 1 von Erik Satie. Es versetzte ihn in eine verfrühte, alltäglich apokalyptische Stimmung. Das Publikum verstand die Töne zwar, war aber schon in einem fortgeschrittenen Rauschzustand und bekam dadurch nur noch Fetzen von ausgekotztem Russisch heraus, die er sowieso nicht verstand. Es war ein schöner Albtraum. Nach drei klebrigen Minuten und vierundzwanzig Sekunden war das Gastspiel vorbei. Ein Paar alaska-blauer Augen blieb ihm bei der dahingerotzten Verbeugung vor dem Publikum im Gedächtnis hängen. Ihr Name sei Kujika.

Im Backstage-Bereich, der diesen Namen nicht annähernd verdiente, streunte auch die Russin namens Kujika herum. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt und sprach mit einem modisch-bärtigen, russischen Gitarristen mit ungeschnittenen Fingernägeln an der rechten Hand – angeblich musste man das als klassischer Gitarrist so handhaben, um besser zupfen zu können. Doch im Endeffekt war es nur eine Ausrede für Faulheit und mangelnde Körperpflege. Kujika hingegen hatte es sich anscheinend zur Angewohnheit gemacht, einen Seidenschal in den Farben der russischen Föderation zu tragen. (Kein Kommentar.) Unter der Seide schimmerte das Weiß ihres Nackens hindurch. Es erinnerte ihn mangels Vergleichsmöglichkeiten an die weißen Streifen auf dem Asphalt der Hauptstadt. Russland hatte ihn nüchtern und gefühllos gemacht. Es ließ ihn auf seltsame Weise kalt. Doch ihr eichenbraunes Haar schien etwas über sie zu verraten, das man lieber nicht verraten sollte.

Tuesday, June 26, 2012

Die Baumeister



Der Fluch von Bob begann, als er sich mit der weißen Hexe Tsubawa über die Baumeister lustig machte, eine Art Techno-Religionsgemeinschaft. Die beiden fragten sich, ob selbige an Samstagabenden denn auch mal fröhlich und ausgelassen feiern würden, wie in Disneyfilmen, von einem Bein aufs Andere hüpfend. Seitdem lastet auf den beiden ein schwerer Fluch. Bob reiste aus Kummer nach Merlin im Keimland aus und traf einen Antichrist-Roboter, der ihn mit elektronischen Zaubersprüchen belegte. Seitdem ist nichts, wie es war. Tag für Tag erstickte er seinen Kummer mit Rauch und Schokolade und wartete vierzig Jahre auf ein Lebenszeichen seiner Angebeteten. Es geschah nichts. Als er all sein Geld verloren hatte und in einen sechshundertsechundsechzig Jahre langen Schlaf verfiel, wachte er auf, Tsubawa an seinem Todesbett. Die Baumeister lebten nicht mehr. Die Erde war leer.

Und wenn sie dann gemeistert wurden, dann bauen sie nicht mehr.

Saturday, June 23, 2012

Adam


Es war einmal ein kleiner Junge namens Adam. Er lebte allein in einem kleinen, dunklen Zimmer mit bloß einer Kerze und einem Teller voll Reis. Eines Tages hatte er einen schrecklichen Traum. Er spielte auf dem Spielplatz und alle Kinder riefen im Chor:

<<Wir sind keine echten Kinder! Wir sind Hexen und Hexer!>>

Adam verstand nicht. Doch als er aufwachte, hatte er fürchterliche Angst. Er dachte Tag und Nacht nur noch an Hexen und sang Lieder, um sich fröhlich zu machen. 6 Tage vergingen, 6 Mal schlief er, 6 Mal wurde er wach. Am sechsten Tag flog ein Vogel durch das violett getönte, offene Fenster. Er sagte: <<Ich komme aus dem Land Semitolon und bin ein Hexenvogel!>> Adam schwieg, dann hatte er Angst und sang. Doch der Vogel lachte nur. Er war ein Rabe, pechschwarz und krumm seine Nase. Ohne es zu wissen, war Adam durch seine Lieder selbst zum Hexer geworden. Der Reis in seinem Zimmer war in 6 Tagen verschimmelt. Adam sang weiter.
Der Rabe kam nie wieder.
Die Kinder sangen froh.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie noch heute.

Wednesday, June 20, 2012

Ende; Anfang


Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte, und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin doch immer allein geblieben.


- Hermann Hesse, Das Ende